DIE WELT UM LOCARNO

02.08.2006
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Quelle: Die Rheinpfalz Ludwigshafener Rundschau
Heute beginnt das Schweizer Filmfestival mit starker deutscher Beteiligung
VON UNSEREM MITARBEITER
PETER CLAUS

Das Internationale Filmfestival von Locarno gilt als das „größte der kleinen weltweit". "Klein" ist allerdings Koketterie. Denn Locarno gehört längst in eine Liga mit Berlin, Cannes und Venedig. 170 lange und mittellange Filme sowie etwas mehr als 200 Kurzfilme locken von heute bis zum Samstag kommender Woche bei der 59. Ausgabe des Festivals. Darunter sind auffallend viele Produktionen aus Deutschland, gleich 17 nämlich.

Der neue künstlerische Direktor Frederic Maire konnte schon in der Vorbereitung des Festivals punkten. Der vor allem in der Schweiz bekannte Filmjournalist hat das Programm doch deutlich verschlankt: weniger Sektionen, weniger Filme, weniger Preise, dafür mehr Übersicht und damit Attraktivität. Die wichtigste Sektion nach wie vor ist der internationaleWettbewerb, an dem in diesem Jahr 21 Filme aus 16 Ländern teilnehmen. Die schönste Sektion ist die mit den abendlichen Open-Air-Vorführungen für 8000 Zuschauer auf der Piazza Grande.

Deutschland ist so stark vertreten wie wohl nie zuvor, insgesamt mit 17 Beiträgen, zwei im Rennen um den Goldenen Leoparden, den Hauptpreis von Locarno. Frederic Maire hat für die starke deutsche Präsenz eine simple Erklärung: „Ich denke, das deutsche Kino ist wirklich sehr aktiv, sehr reich, sehr spannend. Es gibt sehr, sehr viele gute Filme in Deutschland. Locamo reflektiert einfach die qualitativ hoch stehende deutsche Filmproduktion."

Zum Auftakt allerdings darf Hollywood auftrumpfen. „Miami Vice", ein Kinofilm nach Motiven der US-TV-Serie aus den 1980-er Jahren, eröffnet das Festival mit Action pur.
Ansonsten jedoch hat Hollywood nicht die Nase vorn, und es dominiert das kleine, feine Kino. Und genau das schätzen Publikum und Filmemacher gleichermaßen. Zum Beispiel der in Köln lebende Ire lain Dilthey, 2002 Gewinner des Goldenen Leoparden mit seinem Kammerspiel „Das Verlangen", diesmal im Wettbewerb mit dem Drama "Gefangene": „Ich finde es toll, wie hier wirklich Film gefördert wird. Es ist klasse, dass es hier nicht um ein großes Staraufgebot oder um riesige Budgets geht, sondern um das Kino als Kunst", sagt Dilthey.

In der Sektion "Woche der Kritik" läuft der Essay "Eggesin möglicherwei-se" vom Regie-Duo Olaf Winkler/Dirk Heth, eine Bestandsaufnahme des Alltags in Eggesin, zu DDR-Zeiten eine Armee-Hochburg, heute ein ver-waistes Nest. Wie leben die Menschen dort? Was denken sie? Wie funktio-niert hier die Demokratie? Diesen Fra-gen geht der stille Film über Leute von nebenan, über Heimat und insbeson-dere deren Verlust, mit beunruhigen-der Intensität nach.

Härtere Kost anderer Art offeriert die in Berlin beheimatete Regisseurin Angelina Maccarone in der Sektion ,Cineasten der Gegenwart' in ihrem Spielfilm „Verfolgt".
Erzählt wird eine Sado-Maso-Story um eine von Maren Kroymann faszi-nierend vielschichtig gespielte Jugend-betreuerin, die sich auf ein gefahrli-ches Spiel mit einem ihr anvertrauten 16-Jährigen einlässt. Sie ist 52. Und die beiden kommen sich nah, sehr nah. Was für Diskussionen sorgen dürfte. Angelina Maccarones Erwartungen an Locarno: „Ich hoffe, dass viele Leute neugierig sind auf unseren Film. Und vielleicht finden wir ja auch endlich einen Verleih." Mit dieser Hoffnung kommen sicherlich viele der jungen Filmemacher aus aller Welt. Durchaus berechtigt. Denn in Locarno sind die Talentsucher und -förderer immer fleißig am Werk.

Die größte Hoffnung von Frederic Maire ist, dass die Arbeit der Aus-wahlkommission Anklang findet. Ich hoffe, auch das Publikum wird unser Angebot mögen. Und ich wünsche mir vor allem, dass es viele Entdeckungen gibt, die über das Festival hinaus wirken, Talente, die sich in ihren Hei-matlädern weiter entwickeln können, Filme, die von hier aus um die Welt gehen."