FILMFESTIVAL LOCARNO: Die Jury hatte nicht den Mut, die interessantesten Filme zu prämieren

14.08.2006
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Quelle: OÖNachrichten
Die Vampire von Beirut und andere Besessene

"In Beirut leben viele Gespenster, solche aus der Vergangenheit, aber auch solche der Gegenwart", sagt der libanesische Regisseur Ghassan Salhab zur Hauptfigur seines Films "Der letzte Mensch", der unter Berücksichtigung der aktuellen Ereignisse ungeheure politische Brisanz bekommt. Auch formal war er einer der interessantesten Filme des 59. Filmfestivals von Locarno.

"Der letzte Mensch" ist ein Arzt, der in Beirut jeden Tag mit einem neuen Opfer eines mutmaßlichen Serientäters konfrontiert wird und dessen Leben aus dem Lot gerät, weil scheinbar ein Zusammenhang zwischen ihm und den Todesfällen besteht. Ghassan Salhab übernimmt die Figur klassischer Vampirfilme, um die Gefühle der Einwohner Beiruts zu versinnbildlichen, wie überhaupt viele Festivalbeiträge Studien obsessiven Verhaltens waren.

In "Augusttage" des katalanischen Regisseurs Marc Recha werden zwei Brüder bei der Recherche über einen verstorbenen Freund von den Geistern des vergangenen und gegenwärtigen Spaniens heimgesucht. In Form eines gewagten Filmessays gelingen Recha Bilder von Landschaften jenseits touristischer Trampelpfade, die eine Art verlorenes Paradies darstellen.

In eine archaische Flusslandschaft führt auch der argentinische Wettbewerbsbeitrag "Wasser" von Veronica Chen, wo ein des Dopings überführter Ex-Schwimmstar einen Ort der Zuflucht zu finden glaubt.

Auch "Gefangene ", eine deutsch-österreichische Co-Produktion des schottischen Regisseurs lain Dilthey, schildert eine Obsession. Der Film zeigt die Begegnung einer Biologielehrerin, die ein eintöniges Leben führt, mit einem entsprungenen Häftling, der sie in ihrer Wohnung festhält.

Wieder einmal hatte eine Jury nicht den Mut, die formal avanciertesten Arbeiten zu prämieren, denn der Goldene Leopard ging an "Das Fräulein" (D/CH) von Andrea Staka, eine konventionelle Sozialstudie. Im zweiten Wettbewerb wurde der deutsche Beitrag "Verfolgt" von Angelina Maccarone ausgezeichnet, deren Film "Fremde Haut" Ende August in Freistadt beim Festival "Der Neue Heimatfilm" präsentiert wird.