| 21.08.2006 |
| Quelle: Blickpunkt:Film 34/06 |
| Locarno-Mit einem Preisreigen für die deutschen Teilnehmer endete das 59. Filmfestival in Locarno. Auch wenn die Qualität der Wettbewerbsfilme durchwachsen war, konnte der neue Festivalleiter Frédéric Maire einen gelungenen Einstandfeiern. "Es ist keine Kunst, die Piazza Grande an einem Samstagabend vollzubekommen", erklärt Frédéric Maire, angesprochen auf einen weiteren ausverkauften Open-Air-Abend,"doch ich freue mich ganz besonders darüber, dass auch die Wettbewerbsvorführungen so gut besucht waren." Insgesamt: 192.600 Besucher, davon 78.400 auf der Piazza Grande; bedeuten einen neuen Zuschauerrekord für das A-Festival im Schweizer Kanton Tessin. Maires Strategie, die Gesamtzahl der Filme um etwa ein Viertel zu reduzieren und dem Festival ein schärferes Profil zu geben, ging auf. Noch stärker als seine Vorgängerin Irene Bignardi setzte er im Piazza-Grande-Programm auf populäre Filme. Das signalisierte bereitsder Eröffnungsfilm "Miami Vice". Leider machte sich Michael Mann nicht die Mühe, persönlich nach Locarno zu kommen. Anders als Carla del Ponte, die aus dem Tessin stammende Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs für Verbrechen in Ex-Jugoslawien. Angereist zur Promotion der Doku "La liste de Carla" von Marcel Schüpbach, verströmte sie vielleicht noch mehr Starpower als der ebenfalls anwesende, gut gelaunte Willem Dafoe. Locarno scheint also auch unter Maire ein politisches Festival zu bleiben. Filme wie "Das Leben der Ande-ren", der den Publikumspreis auf der Piazza gewann, die US-Produktion "Little Miss Sunshine" oder die Schweizer Tragikomödie Die Herbstzeitlosen" von Bettina Oberli trafen ebenfalls den Geschmack der Locarnesi. In Oberlis zwischen "Kalender Girls" und "Chocolat" anzusiedelnder Feel-Good-Komödie bricht eine Riege älterer Damen aus den ihnen angestammten Rollen aus. Dies empfanden auch viele Fachbesucher als angenehme Abwechslung zu der Vielzahl der den Kunstbegriff zwar strapazierenden, aber kaum einlösenden Wettbewerbsfilme. Im Wettbewerb gab es dennoch eine Handvoll Entdeckungen zu machen. So etwa der Gewinner des Goldenen Leoparden, die schweizerisch-deutsche Koproduktion "Das Fräulein". Andrea Staka porträtiert eigenwillige Frauen aus Ex-Jugoslawien, die in einer Kantine in Zürich arbeiten. Die beiden Hauptdarstellerinnen Mirjana Karanovic (die Kusturica-Schauspielerin ist auch in "Grbavica" zu sehen) und Marija Skaricic überzeugen durch ihr konzentriertes Spiel, gestärkt durch eine einfallsreiche Kamera und eine talentierte Regie. Ein Film, dem die Auswertung im deutschen Kino zu wünschen wäre. Dies gilt auch für den New Yorker Beitrag "Half Nelson" (Spezialpreis derJury): Ryan Fleck erzählt in seinem Debütfilm unsentimental und mit feinem Humor von der sich anbahnenden Freundschaft eines jungen Highschool-Lehrers mit Drogenproblem und einer 13-jährigen Schülerin aus einem familär wie gesellschaftlich desolaten Umfelds [...] [Ryan Gosling und die Laiendarstellerin Shareeka Epps überzeugen als Figuren die sich von ihrer Umgebung nicht unterkriegen lassen. Verdient war auch die Auszeichnung für die beste Regie an Laurent Achard für "Le dernier des fous". Gekonnt inszeniert Achard den Zusammenbruch einer Familie auf dem Land. Wie in vielen Wettbewerbsbeiträgen ging es auch hier um Einsamkeit und das Fehlen von Kommunikation, den sozialen Austausch u[...] der Fähigkeit, sich aufeinander einzulassen. Trotz dieser Entdeckung bekam man unterm Strich jedoch [...] einmal mehr den Eindruck, dass Locarno im Vergleich mit Cannes, Venedig und Toronto der Kürzeren zieht.] Im großteils enttäuschenden europäischen Wettbewerbsvergleich konnten sich die deutschen Beiträge sehen lassen. Besonders „Der Mann von langweilten deutschen Botschaftsmitarbeiters in Tiflis mit einem zwölfjährigen Flüchtlingsmädchen (Lika Martinova) erzählt. Zwischen den beiden Außenseitern entwickelt sich eine Vater-Tochter-Beziehung, die von der Außenwelt als skandalöse Kombination aus Pädophilie und Prostitution gedeutet wird. Der angenehm zurückgenom-men spielenden Burghart Klaußner gewann zu Recht den Leoparden als bester Darsteller. Um unkonventionelle Paare, die sich von der Außenwelt abkap-seln, ging es auffälligerweise auch in drei weiteren deutschen Beiträgen. Im Wettbewerbsfilm „Gefangene'' von lain Dilthey flüchtet ein Sträfling (Andreas Schmidt) in die Wohnung einer ein Mauerblümchen-Dasein fristende Biologin (Jule Böwe). In der erstmals als Wettbewerb konzipierten Reihe Cineasten der Gegenwart gewann Angelina Maccarone mit „Verfolgt" den Hauptpreis. Ohne Sensationslust und in Schwarz-Weiß-Bildern inszeniert sie die sado-masochistische Affäre zwischen einer Bewährungshelferin (Maren Kroymann) und ihrem 16-jährigen Schützling (Kostja Ullmann). Stefan Westerwelles Abschlussfilm „Solange du hier bist" erzählt wiederum die Liebesgeschichte zwischen einem alten Mann und einem Stricher. Die Produktion wurde von der Erstlingsfilms-Jury mit einer besonderen Erwähnung bedacht. Erfolgreich verlief die Open-Doors-Veranstaltung, eine Art Koproduktions-Markt mit jährlichem geografischem Schwerpunkt. Diesmal waren elf Projekte aus Südostasien vertreten. Cineastisch stellte die Aki-Kaurismäki-Retrospektive das inhaltliche Highlight des Festivals dar, insbesondere die Filmperlen der von Kaurismäki kuratierten Carte-Blanche-Reihe. Wenngleich Locarno seit Jahren um spannende Beiträge kämpfen muss, erfreut sich das Festival ungebrochener Beliebtheit. Zu Recht, ist es doch das entspannteste unter den europäischen A-Festivals, und die Lago-Maggiore-Städte Locarno und das benachbarte Ascona, das zunehmend ins Festivalgeschehen integriert wird, sind im August in jedem Fall eine Reise wert. Nadia Dresti, Leiterin des Industry Office, verzeichnete in den vergangenen Jahren einen kontinuierlichen Zuwachs an Branchenvertretern. Diesmal waren 3173 Fachbesucher und 1048 Journalisten angereist, darunter erstmals Vertreter der Weinstein Company. Aus Deutschland kamen 35 Einkäufer. An deutschen Deals lässt sich bislang der Einkauf von Sergej Bodrows kasachischem Historienfilm „Nomad' durch die Telepool vermelden - er soll offenbar auch ins Kino kommen - sowie Verkäufe von „Verfolgt" durch die Media Luna, die zudem "Das Fräulein" in ihr Programm aufgenommen hat. Maire kann zufrieden sein mit seinem ersten Jahr. Er will nicht krampfhaft einen Filmmarkt etablieren, sieht Locarno in erster Linie als Festival der Entdeckungen, als Scout für neue Talente und Trends. Dass dabei Deals angeschoben werden, sollte nicht ausbleiben. Alle Preisträger unter http://www.pardo.ch. zim/nn |
