Gefangene oder: Gemeinsam einsam

12.08.2006
Quelle: OutNow.CH
Irene (Jule Böwe) ist Biologin an der Uni, Langzeitsingle und einsam. Aus der heimlichen Liebe zu ihrem Professor wird wohl nie was. Und sich so forsch an die Männer ranschmeissen, wie das ihre Freundin Paula (Eva Löbau) macht, kann sie zwar auch, aber es kommt nichts Beständiges dabei raus. Irenes Welt sind die Insekten. In ihrem Fachgebiet erkennt sie jede Larve quasi blind und sie erforscht die mikroskopisch kleinen Lebewesen leidenschaftlich gerne in der freien Wildbahn.

Eine menschliche Beziehung hat Irene sonst nur noch zu einem der Insassen im Gefängnis, das sich gerade gegenüber ihrer Wohnung befindet. Sie schreibt ihm Briefe. Als der Mann (Andreas Schmidt) aber nach seiner Flucht ausgerechnet in ihrer Wohnung Unterschlupf finden will, ist Irene trotzdem erstaunt. Doch sie wehrt sich nicht gegen den gewalttätigen Mann, lässt ihn fernsehen und schmiert ihm Stullen. Zwischen_ den beiden scheint eine Verbindung zu bestehen...
Woran liegt's, dass es immer die Deutschen sind, die Scheissfilme drehen können, von denen man trotz allem richtig fasziniert ist? Der in Schottland geborene deutsche Regisseur Iain Dilthey schafft etwas Ähnliches wie Christian Petzold mit Gespenster vor zwei Jahren. Ein Hörspiel wird aus dem dialogarmen Gefangene wohl nie und die Grundstimmung ist genregerecht semidepressiv. Aber kann ein guter Film über die Einsamkeit wirklich fröhlich sein?

Für einen grossen Teil des Publikums ist dieser traurige und doch hoffnungsvolle Film wohl eine einzige lange Geduldsprobe. Wer aber genau hinschaut, kann hier Lebewesen beobachten, wie es Irene mit ihren Insekten unter dem Mikroskop tut. Die Besetzung will es, dass man dabei immer ein bisschen an Sommer vorm Balkon denken muss, wo Andreas Schmidt ganz ähnlich im Unterleibchen auf Wurststullen herumkaut. Doch der Film, um den es hier geht wird, wohl nie zum Überraschungshit. Diltheys Lieblingsthematik ist nicht mehrheitsfähig. "Ein sich selber abhanden gekommener Mensch findet - in die Ecke gedrängt - plötzlich die Kraft, sich gegen die Routine aufzulehnen, um seinen Traum zu leben" informiert der Katalog des Festivals über das Dauersujet des Regisseurs. Das mag oberflächlich betrachtet simpel erscheinen, wirkt in diesem Film aber sehr spannend und wird zu guter letzt auch noch mit einem überraschenden Ende serviert.

12.08.2006 rm