Locarno: Viel Mittelmaß und ein Meisterwerk

12.08.2006
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Quelle: Die Welt
VON PETER CLAUS
Mit der Schlagzeile „Locarno schlummert" traf eine Schweizer Tageszeitung zur Halbzeit des 59. Internationalen Filmfestivals von Locarno genau die Atmosphäre. Das Publikum des Hauptwettbewerbs um die Goldenen. Leoparden döste oft. Denn nahezu alle Filme boten Einschläferndes zum Dauerthemenkreis "Einsamkeit, Entfremdung, Entwurzelnd des Einzelnen allüberall auf Erden", und das meist noch mit gestalterischer Einfallslosigkeit.
Locarno bestätigte, was andere Filmfestivals dieses Jahres längst offenbart haben: Das Gute ist zur Zeit rar im weltweiten Kino. Da ist es schwer zu verstehen, warum der neue künstlerische Direktor, Frédéric Maire, neben dem Wettbewerb um den Goldenen Leoparden einen zweiten in der Sektion „Cineasten der Gegenwart" eingerichtet hat.
Die Deutschen konnten fröhlich auf die Leinwände blicken: In beiden Wettbewerben setzte der deutsche Film Glanzlichter. Bei den „Cineasten der Gegenwart" war Angelina Maccarones mit Maren Kroymann exzellent besetzte Sado-Maso-Lovestory „Verfolgt", die weit über eine Nabelschau hinausreicht, einer der viel diskutierten und heftig gefeierten Beiträge. An diesem Film dürfte die Jury kaum vorbei kommen. Erstrecht nicht übersehen können die Juroren Iain Diltheys „Gefangene" im Rennen um die Leoparden. Ein Beziehungsdrama wird beleuchtet. Dilthey und seiner wunderbaren Protagonistin Jule Böwe genügen stumme Blicke, kleine Worte, flüchtige Gesten. Wäre der Begriff nicht so abgenutzt, wäre das Etikett „Meisterwerk" angebracht.
Jurys entscheiden oft anders als Publikum und Kritik. Es wunderte niemanden, wenn es heute Abend viele Überraschungen gibt. Zumal die diesjährige Locarno-Jury auf Grund eines außerordentlichen Fauxpas' der Festivalleitung unter schwierigen Bedingungen entscheidet: Im Wettbewerb lief der schweizerische Beitrag „Das Fräulein", eine leicht verdauliche Schilderung des Lebens von Frauen verschiedener Generationen aus Ex-Jugoslawien in Zürich. Ein braver Thesen-Film, langweilig, doch in seiner menschelnden Art wertvoll. Am Drehbuch hat die österreichische Autorin und Regisseurin Barbara Albert mitgewirkt - und saß nun, was absolut unmöglich ist, in Locarno in der Jury. Als das öffentlich zu recht Unmut hervorrief, trat sie kurz vor Ende des Festivals zurück. Der ganz große Skandal blieb aus, der schlechte Eindruck von Unseriosität bleibt.
Das schadet dem Ansehen des Festivals und des Films. Was besonders für die aus dem Berlinale-Gewinner „Grbaviza - Esmas Geheimnis" bekannte Hauptdarstellerin Mirjana Kranovic bedauerlich ist. Sie nämlich gilt auf Grund ihrer intensiven, alle Schwächen des Drehbuchs überspielenden Darstellung als eine der Anwärterrinnen auf die Auszeichnung als beste Schauspielerin des Festivals. Stärkste Konkurrentin ist die schon erwähnte Jule Böwe.
Bei den Männern liegt Burghart Klaußner, Hauptdarsteller des kontrovers diskutierten deutschen Wettbewerbsbeitrags „Der Mann von der Botschaft" (siehe WELT v. 8.8.) gut im Rennen. Ihm dicht auf den Fersen ist der Amerikaner Ryan Gosling, Star in „Half Nelson", einem packenden klischeefreien Sozialdrama um einen drogensüchtigen Lehrer.
Das Adjektiv „packend" passt bei so wenig Bemerkenswertem in Gänze nicht auf die zwei Wettbewerbe. Immerhin jedoch auf das Rahmenprogramm, beispielsweise das von hervorragenden schweizerischen Dokumentarfilmen dominierte Angebot der „Woche der Kritik", die Retrospektive, in diesem Jahr dem Finnen Aki Kaurismäki gewidmet, und vor allem auf viele der abendlichen Aufführungen auf der Piazza Grande. Da hat Frédéric Maire ins Schwarze getroffen. Wenn unterm Sternenzelt, in der zweiten Festivalhälfte gar unter prallem Vollmond, geliebt und gelitten und gestorben wird, wie etwa im herrlich komischen Abschlussfilm „Little Miss Sun-shine" aus den USA (ab Oktober in den deutschen Kinos), dann kann von Schlummern keine Rede mehr sein. Dann wird geschwelgt.