Filmkritik von Vytautas V. Landsbergis

10.10.2005
Quelle: http://www.delfi.lt
Filmkritik von Vytautas V. Landsbergis, litauischer Regisseur und Kinderbuchautor, zweifacher Preisträger des litauischen Kinderbuchpreises.

Über den neuen Film von Arunas Matelis

Der neue Film von Arunas Matelis "Before Flying Back to the Earth" unterscheidet sich deutlich von allen seinen bisherigen Filmen. Der Film ist nicht besser oder schlechter, er ist einfach ganz anders. Ich würde sogar behaupten, dass er keine Kunst im Sinne des poetischen litauischen Dokumentarfilms darstellt.

Der Film ist nicht bis ins Letzte ausgefeilt. Er erinnert an eines der literarischen Meisterwerke, Tatsachen- oder historische Romane, in deren Text der Leser weder eine Interpretation durch den Autor geliefert bekommt noch eine Position des Autors – in denen nur aus Dokumenten zitiert wird oder Fakten aufgezählt werden.

Es scheint paradox, aber manchmal berühren diese trockenen, ungeschmückten Tatsachen mehr als tränenreiche Schreie oder pseudo-philosophische Schwäche. Film begann mit einer Fixierung auf die Fakten. Später wurde dieser Hang zum Aufzählen von Fakten von Jonas Mekas und seinen Kollegen als amerikanischer Beitrag zum Avantgardefilm vorangetrieben. Sie ergänzten ihn um die Tagebuchkamera und andere individuelle, essayistische Formen. Dieser Tradition folgt Arunas Matelis in seinem neuen Film.

Ich gebe zu, dass ich besorgt war, als ich das Thema des Films erfuhr. Ein Film über Kinder, die an Leukämie erkrankt sind? Einige Bücher über Ästhetik bestehen drauf, dass kranke Kinder und der Tod kein Kunstthema sein können. Es sei "ein Schlag unter die Gürtellinie", da sich das Publikum einem Thema wie diesem niemals entziehen kann. Nicht aus künstlerischen oder ästhetischen Gründen, sondern aus purem menschlichen Mitleid und anderen psychologischen und selbst physiologischen Gründen.

Als ich dann Arunas’ Film zum ersten Mal sah, war ich angenehm überrascht – es gab keine Anti-Ästhetik. Ich fand eine sensible, fast konventionelle Serie von Bildern und Videoaufnahmen – ein einfaches Zeugnis der täglichen Routine von Menschen, deren Leben von Krankheit bestimmt wird. Das Leben kommt im Krankenhaus nicht zum Stillstand, Kinder bleiben selbst dort Kinder, nur ihre Blicke wirken manchmal alt. Selbst dort lechzen sie nach Unterhaltung – mit Freude haben sie sich und ihre Eltern mit der Videokamera gefilmt, die Arunas ihnen gab. Ebenso bereitwillig erzählen sie Arunas, in wen sie verliebt sind und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Das größte Paradox dieses Films ist, dass es keine Verzweiflung gibt, sondern nur Licht. Östliche Religionen lehren uns, im Hier und Jetzt zu leben. Das Gleiche, nur ohne östliche Philosophie, kann man auf einer Kinderkrebsstation erfahren. Die Kinder beginnen einfach, sich über jeden Tag zu freuen und nicht zu viel über den nächsten nachzudenken. Und wenn, dann denken sie positiv.

Es entsteht eine Liebe für die gesamte Menschheit - eine Liebe, die wir Gesunden manchmal überhaupt nicht fühlen können. Die Hölle im Himmel – so könnte der neue Film von Arunas Matelis beschrieben werden. Er sollte von all denen gesehen werden, die unter Depressionen, Größenwahn oder Minderwertigkeitskomplexen leiden und ihre Zeit damit verbringen, andere zu verleumden oder sich an fremdem Leid zu erfreuen. Wir könnten alle zur Ruhe kommen und uns glücklich schätzen, hier und am Leben zu sein.

Vielleicht repräsentiert dieser Film von Arunas das erste Beispiel einer neuen Welle im litauischen Film, der uns in die Wirklichkeit zurückbringt und sowohl die Anhänger des Dokumentarfilms als auch der täglichen Talkshows ermuntert nachzudenken.

Es scheint die einzige Aufgabe von “Before Flying Back to the Earth”, einfach da zu sein. Einfachen Leuten in ihrem schmerzlichen Schicksal zur Seite zu stehen.
Der Film hat zwei Ebenen – zum einen das einfache menschliche Gefühl für ein krankes Kind, zum anderen eine naive, kosmische, wenn nicht gar göttliche Wahrnehmung der allem innewohnenden Sterblichkeit. Er ist eine strahlende Meditation über Leben und Tod, über die Kraft des menschlichen Willens und über die kurzen Sekunden des Lebens im Angesicht der Ewigkeit.

P.S. Nachdem ich diesen kurzen Kommentar fertig gestellt hatte, erfuhr ich, dass der neue Film von Arunas Matelis mit der "Goldenen Taube" des Dokumentarfilmfestivals in Leipzig ausgezeichnet wurde. Ganz sicher ein Beweis, dass das Lamentieren über den Tod des litauischen Kinos, das man von Zeit zu Zeit vernehmen kann, sich als sterblich herausgestellt hat.
Viel Glück, Arunas!


Arunas Matelis, Regisseur:

"Jeder beginnt seine Reise durch dieses Kinderkrankenhaus hier und auf eine ähnliche Art und Weise. Die erste Untersuchung, das Warten, eine Mappe mit Papieren und eine Fahrt in den dritten Stock. Zu Anfang versucht jeder, bewusst oder unbewusst, die Abteilung im dritten Stock zu umgehen, in dem er sich im Labyrinth der Flure verirrt oder auf den falschen Knopf im Fahrstuhl drückt.

Jedoch später, und hier bestätigen fast alle die Erfahrung meiner Familie und meine eigene, wird diese Krebsstation nicht nur der Ort, an dem man die größte Not seines Lebens gespürt hat, sondern auch an dem man die schönsten und bedeutungsvollsten Tage erlebt hat.

Tage, in denen wir uns vorbereiten mussten, hofften und warteten, den schicksalhaften Flug anzutreten:
- Zurück... nach Hause... zu uns… zur Erde"


Weltpremiere des Films: Internationaler Wettbewerb beim 48. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2005