| 01.09.2005 |
| Quelle: DOX |
| Before Flying Back to Earth Arunas Matelis, einer der eigenwilligsten Dokumentarfilmer Litauens, zeichnet sich durch einen sehr persönlichen, spielerischen Ansatz des Filmemachens aus. DOX feiert die Fertigstellung seines jüngsten Meisterwerks *Before Flying Back to Earth mit einem Porträt. Von TUE STEEN MÜLLER Dieser Artikel wurde von einem sehr guten Freund von Arunas Matelis verfasst. Ich kenne ihn und seine zauberhafte Familie gut und sie nennen mich "Den Mann aus Legoland", wenn sie Dänemark besuchen. Seit ich ihn Anfang der 1990er Jahre auf Bornholm beim Baltischen Film & Fernsehfestival kennen gelernt habe, stehen wir in engem Kontakt. Ich weiß, dass der DOX Redakteur diese Art der Einführung nicht schätzt. Aber hiermit sei vor dem schwärmerischen Ton gewarnt, in dem ich über einen Filmemacher schreibe, der einen sehr eigenen Stil und eine eigene Integrität besitzt. Der erste Film, den ich von Arunas Matelis gesehen habe, war *Ten Minutes before the Flight of Icarus [10 Minuten vor dem Flug des Ikarus]. Er wurde 1990 kurz vor den politischen Veränderungen produziert, die den Zusammenbruch der UDSSR und die Unabhängigkeit Litauens nach sich zogen. Der 10-minütige Film reflektiert diese Umwälzungen perfekt durch einen meditativen Rhythmus und eine ausdruckstarke, metaphorische Sprache. Es war ein wichtiger Film, der später als Manifest einer Generation junger litauischer Filmemacher (u.a. Audrius Stonys, Valdas Navasaitis und Vytas Landsbergis) gesehen wurde, die während der 1990er Jahre den kurzen, poetischen, auf 35 mm gedrehten Dokumentarfilm zur Kunst erhoben. Damals konnte der Film als Sinnbild seiner Zeit interpretiert werden, der Menschen zeigte, die darauf warteten, dass etwas passiert. Heute ist er ein Film über die Republik Uzupis, einem besonderen Stadtteil in der Altstadt von Vilnius. Laut Matelis hat der Film Uzupis total verändert, da er der Erste war, der dort gefilmt hat. In der Republik zu drehen wurde eine Attraktion für nationale und internationale Filmemacher. Uzupis wurde so etwas wie ein zweites Christiania (Hippie-Siedlung in Dänemark) – vielleicht sogar unkonventioneller als diese "freie Stadt" und erklärte sich offiziell zur Republik. Um den freien Geist der Stadt zu unterstreichen wurde der Dalai Lama zum ersten Ehrenbürger und Matelis zum Minister für Migration und Veränderungen ernannt! Matelis drehte weitere Kurzfilme, wie *Self-Portrait [Selbstportät] (1993), *From Unfinished Tales of Jerusalem [Unvollendete Geschichten aus Jerusalem] (1996) and *First Farewell to Paradise [Der erste Abschied aus dem Paradies] (1998) – von denen *Jerusalem mit seinen atemberaubend schönen Bilder von Litauen der extrovertierteste ist. Zudem produzierte er einige Filme für seinen engen Freund und Dokumentarfilmgefährten, Audrius Stonys. Zusammen drehten sie *Flight over Lithuania or 510 Seconds of Silence [Flug über Litauen oder 510 Sekunden der Stille] für die Expo 2000 in Hannover. Der zehnminütige Film ist ein technischer Triumph und kommerzieller Erfolg, der zeigt, dass Matelis auch ein cleverer Geschäftmann ist und sich immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Lösungen befindet. Bisher wurden 17.000 Kopien in Videotheken und Supermärkten verkauft. Die Kosten des Films wurden in der Öffentlichkeit kritisiert, aber die generelle Meinung war – natürlich – dass es nicht möglich wäre, eine perfektere Präsentation Litauens in 510 Sekunden zu produzieren. Einige Jahre später wurde Matelis beschuldigt, das Ansehen seines Landes zu beschmutzen. Der Grund war * Sunday. The Gospel to Lift-man Albertas [Sonntag. Die Evangelien nach Fahrstuhlführer Albertas] (Wieder ein laaaaanger Titel des Regisseurs). Stilistisch schließt sich hier der Kreis zu "Ikarus". Ein Fahrstuhlführer wartet im Keller eines Krankenhauses ewig auf den Aufzug. Es passiert nicht viel. Eine Metapher aufs Leben, eine mythologische Interpretation des täglichen Lebens oder Kritik an litauischen Krankenhäusern und Lebensbedingungen? Letzteres war die Interpretation des Publikums. Der Film lief in Cannes und auf anderen prestigeträchtigen Festivals. Gleichzeitig versuchten (einige) Politiker, den Film verbieten zu lassen, da er dem Ansehen Litauens schaden würde! Es ist ihnen nicht gelungen! Und der Film wurde in Litauen zum Film des Jahres gekürt. Im wahren Leben sind Matelis und seine Familie mittlerweile von Uzupis in die Wälder gezogen. Nach einer langen, ermüdenden Phase, in der die jüngste Tochter acht Monate lang wegen Leukämie im Krankenhaus behandelt wurde, wollte Matelis einen Film über Kinder auf einer Krankenstation, wie der, die er kennen gelernt hatte, machen. Der sonst eher verspielte Filmemacher, der seine Zuschauer gewöhnlich mit überraschenden Sequenzen fordert, die eine Interpretation erlauben (manche würden es experimentell nennen), wollte jetzt eine klare, poetische und positive Aussage über das Leben von Kindern unter solchen Umständen machen. Er wusste, was er wollte aber er wusste auch, dass er bei der Finanzierung Unterstützung von außen benötigen würde. Er nahm am Discovery Campus 2001 teil, entwickelte sein Projekt und knüpfte Kontakte zu deutschen und dänischen Koproduzenten. Einige sagten wieder ab, aber zwei hielten ihm die Stange: Gerd Haag von TAG/TRAUM in Köln und Doris Hepp von ZDF/Arte. Ihnen muss hoch angerechnet werden, dass sie einen Film produziert haben, der weltweit gezeigt wird. Aufgrund seines direkten Bezuges durch die Erkrankung seiner Tochter, wollte er das Krankenhaus und die betroffenen Kindern unterstützen. Mit großem Aufwand sammelte er zusammen mit seiner Familie und Filmkollegen Geld für das Krankenhaus, die Renovierung der Kinderstation und für den Kauf von Medikamenten für die Kinder. Eine große Summe kam bei einem Benefizkonzert zusammen. Matelis hat seine ganze Energie und Talent für Werbung in diesen humanitären Einsatz gesteckt. Jetzt ist es an der Zeit, ihn als den einzigartigen Filmemacher anzuerkennen, der er ist. Filmographie von Arunas Matelis: Before Flying Back to the Earth (52 Min.) 2005 Sunday: The Gospel to Lift-man Albertas [Sonntag. Die Evangelien nach Fahrstuhlführer Albertas] (19 Min.) 2003 Flight over Lithuania or 510 Seconds of Silence [Flug über Litauen oder 510 Sekunden der Stille] (10 Min.) 2000, Co-Regie mit A. Stonys. The Diary of Forced Emigration [Tagebuch einer erzwungenen Auswanderung] (20 Min.) 1999 First Farewell to Paradise [Der erste Abschied aus dem Paradies] (15 Min.) 1998 From Unfinished Tales of Jerusalem [Unvollendete Geschichten aus Jerusalem] (26 Min.) 1996 Self-portrait [Selbstporträt] (10 Min.) 1993 Ten Minutes before the Flight of Icarus [10 Minuten vor dem Flug des Ikarus] (10 Min.) 1991 Baltic Way (10 Min.) [Der Baltische Weg] 1989, Co-Regie mit A. Stonys. Giants of Pelesa [Die Riesen von Pelesa] (10 Min.) 1989 |
