Schwaben können so grausam sein - Iain Diltheys preisgekrönter Festivalhit "Das Verlangen kommt endlich in die deutschen Kinos, von Hanns-Georg Rodek

13.05.2004
Quelle: Die Welt
Diese Zeilen handeln von einem jungen Deutschen, dem mit 30 gelang, wonach die meisten Regisseure ein Leben lang vergeblich streben, nämlich eines der großen Festivals zu gewinnen. Nein, nicht Fatih Akin, seit der Berlinale in aller Munde, sondern Iain Dilthey, der im August 2002 in Locarno den Wettbewerb für sich entschied, und dessen Name trotzdem kaum einem Kinogänger vertraut ist.

"Das Verlangen" ist ein kleiner Film, selbst nach deutschen Maßstäben. Es ist erst sein Abschluss an der Filmakademie Baden-Württemberg und doch bereits Ende einer Trilogie (nach dem Kurzfilm "Sommer auf Horlachen" und seinem ersten Spielfilm "Ich werde dich auf Händen tragen"). Der Etat betrug 200 000 Euro, gedreht wurde knappe drei Wochen auf sparsamem 16-Millimeter-Material. Was er mit einem größeren Budget anders gemacht hätte, wurde Dilthey gefragt, als er den Goldenen Leoparden in Händen hielt, und er sagte: "Nichts".

Filmemacher sollten sich nicht freiwillig zu Armenhaus verurteilen, aber Diltheys Themen und seinem Stil steht das Wort "Kargheit" eingeschrieben. Dem gebürtigen Schotten hat es die deutsche Provinz angetan, die abgelegenen Höfe und aussterbenden Dörfer. "Sehnsuchtstrilogie" hat er die drei Filme getauft, und seine Sehnsüchtigen sind Frauen: die zurückgebliebene Anna (in "Sommer"), das Waisenkind Ramona ("Auf Händen") und jetzt die Pfarrergattin Lena.

Alle sind gefangen in einer rückständigen Welt, die man kaum mehr als gegenwärtige erkennt. Wären in "Das Verlangen" nicht die Autos, man könnte sich in den Fünfzigern wähnen, der Alltag, die Moral, die Lebensperspektive, alles ist einschnürend eng.

Lena hat ihr langes, blondes Haar zum strengen Knoten gebunden und trägt ein hoch geschlossenes Kleid mit weißem Kragen. Sie belegt dem Pastor das Brot, kauft ein, pflegt die tyrannische Schwägerin und nachts schiebt sich ihr Mann nackt auf sie und verschafft sich Befriedigung. Da verfault jemand innerlich wie die Bürger bei Chabrol, aber Lena besitzt nicht einmal den Trost großbürgerlichen Luxus', sondern ist auch noch mit der Genügsamkeit des schwäbischen Protestantismus geschlagen.

Aus manchen Sackgassen führt nur Gewalt, und hier ist es der Mord an einem Mädchen, der die Erstarrung sprengt. Lena beschließt, die Schwägerin nicht mehr zu pflegen, spaziert mit einem Automechaniker durchs Dorf und verweigert sich im Bett ihrem Mann, zum allerersten Mal.

Iain Dilthey verleugnet seine Vorbilder nicht. Von Bergman das Milieu, von Strindberg die Zentrifugalkräfte der Ehe, von Chabrol die Unausweichlichkeit der tödlichen Entladung. Und Dreyers Methode, die Intensität aus Gesten, aus Haltungen und aus Blicken statt aus Worten und Handlungen bezieht.

Das wirkt streng, kühl, unerbittlich und suggeriert eine Objektivität, wie sie im Jungen Deutschen Film sonst nur Christian Petzold herzustellen vermag. Auch Dilthey geht aus den Metropolen hinaus in die (Un-)Tiefen der Republik und erzählt keine generationstypischen Geschichten, sondern Ausnahmefälle.